Mit der großen Ausstellung Deutsche Grammatik von Christoph Büchel eröffnete die Kunsthalle Fridericianum ihre Spielzeit bis Dezember 2011. Unter der neuen Künstlerischen Leitung von Rein Wolfs versteht sich die Kunsthalle als Ort der Auseinandersetzung über Kunst, Humanität, Identität und gesellschaftspolitische Relevanz.
Der Schweizer Künstler Christoph Büchel (geboren in Basel, 1966) hat sich seit den neunziger Jahren mit komplexen Rauminstallationen und konzeptuellen Projekten einen Namen in der internationalen Kunstwelt gemacht. Hole in der Kunsthalle Basel (2005), Simply Botiful in der Hauser & Wirth Coppermill, London (2006-07) und Dump im Palais de Tokyo, Paris (2008) sind nur einige seiner bekannten großen Installationsprojekte. Büchels Werke fordern eine aktive Beteiligung heraus und gestalten sich für die Besucher/innen manchmal als physisch anspruchsvoll und psychologisch beunruhigend. Wirklichkeit wird detailgetreu re-konstruiert; es entsteht ein Wechsel- und Verwirrspiel zwischen Realität und Fiktion.
In seinen konzeptuellen Arbeiten zeigt Büchel oftmals eine institutionskritische Haltung. 2002 versteigerte er seine Einladung zur Manifesta 4 auf eBay. In Capital Affair (zusammen mit Gianni Motti im Helmhaus in Zürich) versprach er das gesamte Ausstellungsbudget demjenigen Besucher, der einen in den leeren Ausstellungsräumen unter Aufsicht eines Notars versteckten Scheck findet. 2006 löste er in Salzburg eine intensive Kulturdebatte aus: Während des Kontracom Festivals organisierte er mit der von ihm gegründeten Aktion Reales Salzburg (ARS) erfolgreich das Bürgerbegehren Salzburg bleib frei, das zu einer stadtweiten Abstimmung führte und dessen Ziel ein fünfjähriges Moratorium für Gegenwartskunst im Stadtzentrum der Mozart-Metropole war.
Mit der Ausstellung Deutsche Grammatik thematisiert Christoph Büchel die jüngere deutsche Geschichte und aktuelle politische und gesellschaftliche Strukturen des Landes. 1818 schrieb Jacob Grimm, damals Bibliothekar im Kasseler Fridericianum, den ersten Band seiner Deutschen Grammatik; 2008 fungiert eben dieser Titel als Metapher für eine Ausstellung zur aktuellen deutschen Kultur. Christoph Büchel bespielt die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche der Kunsthalle Fridericianum und bezieht den Außenraum mit ein. Mit einer Gesamtinstallation, in der Realitäten detailgetreu re-konstruiert und raumgreifend geschaffen werden, widmet er sich der Situation des Landes und der Bedeutung und Funktion des ältesten Museumsgebäudes des europäischen Festlandes. In diesem Rahmen fand am 6. und 7. September im Fridericianum die politica statt, die erste Parteienmesse Deutschlands.
Rein Wolfs hat sich für eine Ausstellung mit Christoph Büchel entschieden‚ „weil er imstande ist, die Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft offen zu legen, die momentane Condition Humaine zu markieren und den Diskurs über die Rolle und Bedeutung der Kunst anzukurbeln“. In dem künftigen Programm der Kunsthalle Fridericianum werden genau diese Themen einen zentralen Stellenwert einnehmen.
Am 5. September begann eine neue Ära in der bewegten Geschichte des Fridericianums. Seiner Funktion als Museum beraubt, wurden die Räume für verschiedene Zwischennutzungen freigegeben. Unter anderem sind eine Filiale des Discounters Mäc-Geiz, eine Spielothek sowie ein Sonnenstudio und ein Fitness-Center in das Gebäude eingezogen. Ein kompletter Flügel wurde als Veranstaltungsort für die erste Messe politischer Parteien Deutschlands, die politica, genutzt. In einem weiteren Flügel werden die zerrissenen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik re-konstruiert. Folgend wird das Fridericianum umgebaut und anderweitig genutzt. Und auch der Friedrichsplatz, auf dem bis Mitte des 20. Jahrhunderts militärische Paraden abgehalten wurden, erhielt eine neue Funktion.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (35,- €).










